Langston Hughes (1902 - 1967): Die Schönheit der Schwarzen
Ein Nachruf auf den afroamerikanischen Schriftsteller Langston Hughes
„When a man starts to build a world,
He starts first with himself
And the faith that is in his heart-
The strength there,
The will there to build.”
Das Trauma der Sklaverei
Die obenstehenden Worte aus Hughes Gedicht Freedom’s plow sind bezeichnend für das Leben des schwarzen Schriftstellers, der einer der populärsten Vertreter der Harlem Renaissance war. Hughes wollte eine neue Welt schaffen in der Schwarze den ihnen gebührenden Platz einnehmen, gleichberechtigt und mit Stolz auf ihre Herkunft. Um diese Welt zu bauen, musste zuerst die Seele des Schwarzen gefestigt werden und wieder zu sich selbst finden. Das kollektive Trauma der Sklaverei hatte die schwarze Identität einer schmerzvollen Zerreißprobe ausgesetzt. W.E.B. Du Bois beschrieb diesen Zustand sehr einprägsam in seinem Buch The Souls of Black Folk:
“....the Negro is a sort of seventh son, born with a veil, and gifted with second-sight in this American world,—a world which yields him no true self-consciousness, but only lets him see himself through the revelation of the other world. It is a peculiar sensation, this double-consciousness, this sense of always looking at one’s self through the eyes of others, of measuring one’s soul by the tape of a world that looks on in amused contempt and pity......”
Hughes war die Speerspitze einer politischen und künstlerischen Bewegung deren Ziel es war dieses Trauma zu überwinden, um ein neues schwarzes Selbstbewusstsein zu schaffen. Als Kulturschaffender lebte er diese neue Geisteshaltung vor und machte sie zu einem Teil seines künstlerischen Schaffens. Hughes wollte die traumatisierten schwarzen Künstler lehren wieder die Schönheit der Schwarzen zu sehen. In seinem ersten programmatischen Aufsatz The Negro Artist and the Racial Mountain (1926), schreibt der Dreiundzwanzigjährige:
„ The whisper of „I want to be white“ runs silently through their minds….one sees immediately how difficult it would be for an artist born in such a home to interest himself in interpreting the beauty of his own people. He is never taught to see that beauty. He is taught rather not to see it, or if he does, to be ashamed of it when it is not according to Caucasian patterns.”
Geistiger Vater dieser Bewegung war Alain LeRoy Locke, der in seiner 1925 erschienenen Anthologie The New Negro, Prosa, Lyrik und Theaterstücke einer neuen Generation afroamerikanischer Schriftsteller publizierte. Sein Ziel war es unter anderen dem weißen Amerika zu zeigen, dass die Schwarzen nicht mehr auf die Vormundschaft der Weißen angewiesen sind.
Die Massenwanderung der Schwarzen aus dem Süden in den Norden
Viele der Schriftsteller in Lockes Anthologie waren Teil der Great Migration, der Massenwanderung der Schwarzen aus dem ländlichen Süden in den industriellen Norden (von 1890 bis 1920). Innerhalb von 30 Jahren entstand aus der schwarzen Landbevölkerung des Südens das städtische Industrieproletariat des Nordens. Als Folge davon sprießen in Detroit, Chicago und vor allem New York die schwarzen Ghettos wie Pilze aus dem Boden. Ursachen für diese Wanderung waren lange Dürreperioden, die Plage des Baumwollkapselkäfers, die ganze Ernten vernichtete und so zu Hunger und Not führten. Dazu kam die gezielte Anwerbung von Arbeitskräften durch die nördliche Industrie. Besonders die Rüstungsindustrie hatte im 1. Weltkrieg einen großen Bedarf an Arbeitskräften. Trotzdem erfüllten sich auch im Norden die Hoffnungen vieler Schwarzer nicht. Hughes beschrieb das sehr eindringlich in seinem
Po’ Boy Blues
When I was home de
Sunshine seemed like gold.
When I was home de
Sunshine seemed like gold.
Since I come up North de
Whole damn world's turned cold.
I was a good boy,
Never done no wrong.
Yes, I was a good boy,
Never done no wrong,
But this world is weary
An' de road is hard an' long……..
Das neue schwarze Selbstbewusstsein
In seinem Vorwort bezeichnete Locke die Abwanderung der Schwarzen aus dem Süden in den Norden als eine Art geistige Befreiung, durch die afroamerikanische Kunst erstmals eine eigene Identität entwickeln konnte - jenseits der weißen Vorbilder. In seinem Aufsatz The Legacy of the Ancestral Arts forderte Locke die afroamerikanischen Künstler auf sich ihrem afrikanischem Erbe zu zuwenden. In der Malerei wies er auf den Einbau von afrikanischen Designelementen in den Gemälden von modernen europäischen Künstlern wie Matisse und Picasso hin. In der Harlem Renaissance spielten deshalb auch afrikanische Überlieferungen, sowie Gospel und Jazz eine große Rolle. Hughes hatte ein starkes schwarzes Selbstbewusstsein und ging mit gesundem Optimismus an die vor ihm liegenden Aufgaben:
"We younger Negro artists now intend to express our individual dark-skinned selves without fear or shame. If white people are pleased we are glad. If they aren't, it doesn't matter. We know we are beautiful. And ugly too... If colored people are pleased we are glad. If they are not, their displeasure doesn't matter either. We build our temples for tomorrow, as strong as we know how and we stand on the top of the mountain, free within ourselves."
Sein Leben lang wollte Hughes den Erfahrungen und Hoffnungen der Afroamerikaner ein Gesicht geben. Nach dem zweiten Weltkrieg veröffentlichte er im Chicago Defender seine Simple-Geschichten, die sich bei Schwarz und Weiß großer Beliebtheit erfreuten. Jess B. Simple, der schwarze Charakter dieser Geschichten ist ein schlauer, liebenswerter und witziger Jedermann, der aus allen Alltagsproblemen einen Ausweg findet. Ein schwarzer Mann, den Hughes in einer Harlemer Bar kennengelernt hatte, war das Vorbild für diese Romanfigur. In seinen Gedichten ging er einen ähnlichen Weg. Wenn er in seinen Gedichten „Ich“ sagt - und das tut er sehr häufig - ist es ein kollektives Ich, die Selbstartikulation des schwarzen Amerikas. In seinem Gedicht I, Too heißt es:
I, too, sing America.
I am the darker brother.
They send me to eat in the kitchen
When company comes,
But I laugh,
And eat well,
And grow strong.
Tomorrow,
I'll be at the table
When company comes.
Nobody'll dare
Say to me,
"Eat in the kitchen,"
Then.
Besides,
They'll see how beautiful I am
And be ashamed--
I, too, am America.
Hughes Lebenstraum: Schriftsteller
Hughes selbst hatte einen wechselhaften und beschwerlichen Lebensweg. Oft plagten ihn Geldprobleme. Er wuchs ohne Vater und Mutter auf und lebte bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr bei seiner armen Großmutter in Lawrence, Kansas. Dann zog er zu seiner Mutter und ihrem Ehemann nach Cleveland, Ohio. Schon im achten Schuljahr der High School begann er Gedichte für die Schulzeitung zu schreiben. Sein Englischlehrer erkannte seine Begabung und gab Hughes die Gedichte von Carl Sandburg und Walt Whitman zu lesen. Nach dem Schulabschluss lebte er ein Jahr bei seinem Vater in Mexico. Die beiden verstanden sich nicht gut, da die ehrgeizigen Pläne des Vaters nicht zu den Lebensentwürfen des Sohnes passten. Hughes wollte Literatur an der Columbia Universität in New York studieren, sein Vater wollte das er im Ausland Ingenieurwissenschaften studiert. Hughes versuchte seinen Vater zu überreden sein Studium zu bezahlen. Während dieser Zeit schrieb er weiter Gedichte und sandte sie an das damals sehr bekannte Magazin der NAACP The Crisis, wo sie auch veröffentlicht wurden.
Das schwarze Harlem
Vater und Sohn fanden einen Kompromiss. Der Vater bezahlte das Studium an der Columbia, Hughes musste sich aber für einen Ingenieur-Studiengang einschreiben. 1921 zog er nach New York und verbrachte die meiste Zeit in der schwarzen Künstlerszene Harlems. Der berühmte schwarze Dichter Countée Cullen brachte ihn dort mit anderen Künstlern der Harlem Renaissance wie Zora Neale Hurston, Claude McKay und Jean Toomer zusammen. Harlem war zu dieser Zeit die schwarze Metropole Amerikas. Die Bevölkerung Harlems hatte sich von 1900 bis 1920 verdoppelt. Seine Lage im Norden von Manhattan und damit am atlantischen Tor Amerikas zog auch Schwarze aus der Karibik und Afrika magisch an. In dieser Zeit entstand vermutlich Hughes Gedicht
Juke Box Love Song
I could take the Harlem night
and wrap around you,
Take the neon lights and make a crown,
Take the Lenox Avenue busses,
Taxis, subways,
And for your love song tone their rumble down.
Take Harlem's heartbeat,
Make a drumbeat,
Put it on a record, let it whirl,
And while we listen to it play,
Dance with you till day--
Dance with you, my sweet brown Harlem girl.
Das war Harlem bei Nacht. Doch so mancher Jazzmusiker im Nachtklub, so manche Sängerin und so mancher Portier der weißen Besuchern fröhlich lächelnd die Tür zum Cotton Club öffnete - kurzum alle Schwarzen, die sich zwischen Abend und Morgen vergnügt gebärdeten, waren vom Morgen bis zum Abend hungrig, müde und verzweifelt. Viele von Ihnen flüchteten sich in Alkohol und Drogen. Die Entwicklung Harlems zum Vergnügungszentrum hatte seinen Preis - den die Schwarzen zahlen mussten. Das Showgeschäft und seine Zubringergeschäfte konnten nur kurzfristig die schwarze Massenarbeitslosigkeit auffangen, die nach dem 1.Weltkrieg anstieg und bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 immer schneller wuchs.
Die harten Wanderjahre
Nach einem Jahr brach Hughes das Studium ab, er hatte zwar einen Notendurchschnitt von 2+ empfand das Ingenieurstudium aber als Qual. Nun musste er selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er nahm allerlei Gelegenheitsjobs an. 1923 arbeitete er als Seemann auf einem Frachter der nach Afrika fuhr und kam so nach Senegal, Nigeria, Kamerun, Kongo, Angola, Guinea, aber später auch nach Italien, Frankreich, Russland und Spanien. Bei dieser Arbeit machte er eine traurige Erfahrung. In seiner Autobiografie The Big Sea schreibt er, dass er durch seine weißen englischen und französischen Vorfahren hellhäutig war. In seinen Gesprächen mit den Afrikanern führte das zu deren Verwunderung:
„There was one thing that hurt me a lot when I talked with the people: The africans looked at me and would not believe I was a Negro. “
1924 ging er nach Paris und wurde Türsteher in einem Nachtklub, danach Koch in einem Pariser Restaurant. Nach der Arbeit in der Küche besuchte er die Jam-Sessions der amerikanischen Jazz-Musiker. Im gleichen Jahr kehrte er nach Amerika zurück und mietete sich ein Zimmer in Harlem. 1925 zog er zur seiner Mutter nach Washington, die allein in ärmlichen Verhältnissen lebte. Um sie finanziell zu unterstützen wurde Hughes Hilfskellner in einem bekannten Hotel. Dort stieg eines Tages der berühmte avantgardistische Dichter Vachel Lindsay ab. Hughes legte ihm drei seiner Gedichte in die Speisekarte. Am nächsten Tag las man in der Zeitung, dass Lindsay einen schwarzen Hilfskellner-Dichter entdeckt habe. Hughes schreibt über diese Zeit in Washington:
"I tried to write poems like the songs they sang on Seventh Street...(these songs) had the pulse beat of the people who keep on going."
Hughes war zwar immer noch ein „Po’ Boy“ aber er gab nicht auf sondern folgte dem Vorbild seiner Mutter:
Mother to Son
Well, son, I'll tell you:
Life for me ain't been no crystal stair.
It's had tacks in it,
And splinters,
And boards torn up,
And places with no carpet on the floor—
Bare.
But all the time
I'se been a-climbin' on,
And reachin' landin's,
And turnin' corners,
And sometimes goin' in the dark
Where there ain't been no light.
So, boy, don't you turn back.
Don't you set down on the steps. 'Cause you finds it's kinder hard.
Don't you fall now—
For I'se still goin', honey,
I'se still climbin',
And life for me ain't been no crystal stair.
Der Traum wird wahr
1926 veröffentlichte Hughes seinen ersten Gedichtband The Weary Blues und schaffte damit seinen Durchbruch als Schriftsteller. Carter G. Woodson , der Gründer der Black History Week und Herausgeber des Journal of Negro Life and History, gab ihm einen Job. Im gleichen Jahr kehrte er an die Universität zurück, der schwarzen Lincoln Universität in Pennsylvania. Charlotte Osgood Mason, eine reiche weiße Kunstmäzenin - jenseits der siebzig - machte dies durch ein Stipendium möglich. Carl van Vechten, Hughes Verleger, hatte Mason mit Hughes bekannt gemacht. Drei Jahre später beendete Hughes sein Literatur-Studium. Sein Traum Schriftsteller zu werden war wahr geworden. Für Hughes war es keine Selbstverständlichkeit dieses Ziel erreicht zu haben und deshalb ermutigte er seine Schwestern und Brüder - trotz ihrer schwierigen Lebenssituation - an ihren Träumen festzuhalten.
Dreams
Hold fast to dreams
For if dreams die
Life is a broken-winged bird
That cannot fly.
Hold fast to dreams
For when dreams go
Life is a barren field
Frozen with snow.
© Joe Dramiga